„Neue Musik ist kein Genre […], es ist eine Denkart.“ – MIRELA IVIČEVIĆ im mica-Interview

MIRELA IVIČEVIĆ gilt als eine der angesagtesten Komponistinnen ihrer Generation. Ihre Werke werden auf internationalen Festivals aufgeführt und von renommierten Ensembles wie dem KLANGFORUM WIEN oder dem ENSEMBLE NIKEL interpretiert. IVIČEVIĆ bricht in ihrem Oeuvre mit Tabus und sucht nach dem subversiven Potential, das in den Klängen wohnt. Dafür rekontextualisiert sie Fragmente der Wirklichkeit und propagiert den ästhetischen Pluralismus. Ihre „Sonic Fictions“ sind zusammengesetzt aus Splittern und Artefakten des Privaten, Sozialen, des Ästhetischen wie Politischen. In einem Gespräch mit Shilla Strelka erklärt die Komponistin was sie geprägt hat, warum die Integration außermusikalischer Elemente notwendig scheint und warum es immer auch um das Ausloten von Verhältnissen geht.

Du wurdest in Kroatien geboren, hast in Zagreb bei Željko Brkanović Komposition studiert, bist dann nach Wien gezogen, um Medienkomposition und angewandte Musik bei Klaus-Peter Sattler zu studieren und schließlich im Zuge eines Postgraduiertenstudium auch bei Beat Furrer. Welchen Stellenwert nimmt die zeitgenössische Musik in Kroatien ein? Lassen sich Unterschiede zwischen den Akademien benennen?

Mirela Ivičević: Das Kompositionsstudium in Kroatien setzt im Gegensatz zu Österreich in erster Linie auf technisches Können. Der Philosophie der Musik und den dahinterliegenden Konzepten wird im Gegensatz dazu wenig Raum gegeben. Es ist eher mit einer intensiven Ausbildung vergleichbar als mit einem Bildungsprogramm. Das Spannendste und Mutigste an der zeitgenössischen Musik in Kroatien ist eher dem unabhängigen Forschergeist einzelner Komponistinnen und Komponisten zuzuschreiben. Hier passiert viel außerhalb der Musikakademien, an den Schnittstellen der unterschiedlichen Kunstsparten, in der postakademischen und Underground-Szene.

„Der Trug hat […] das Potenzial, etwas Wahres auszudrücken.“

In deinem Künstlerinnen-Statement ist zu lesen, dass du deine Musik als „Sonic Fiction“ verstehst. Du kreierst aus Fragmenten der Wirklichkeit eine alternative Realität. Siehst du utopisches, also auch politisches Potenzial in der Fiktion oder warum scheint es dir produktiv zu sein, diesen Begriff ins Spiel zu bringen?

Mirela Ivičević: Ich arbeite sehr oft mit bereits bekanntem und wieder erkennbarem Klangmaterial und spiele dabei mit Ähnlichkeiten und Unterschieden, die entstehen, wenn man die Kontexte ändert. Ich gestalte neue Verhältnisse, um alte zu hinterfragen, anders wahrzunehmen und zu verstehen. So gesehen ist es ja wie im Film, man schafft einen Traum, eine Trug. Der Trug hat jedoch das Potenzial, etwas Wahres auszudrücken.

Das heißt das Neuzusammensetzen und Collagieren ist eines deiner wichtigsten Kompositionsprinzipien?

Mirela Ivičević: Komposition bedeutet ja, etwas neu zusammenzusetzen, vor allem heutzutage. Es gibt nur mehr wenig unbekannte Klänge. Umso wichtiger wird es, was man mit den bestehenden Klängen macht. Collage ist oft meine weapon of choice, da es mich persönlich am meisten interessiert, wie ganz unterschiedliche Materialen koexistieren können, ohne dass sie etwas von ihrem Wesen, ihrer Essenz verlieren, also auch ohne diese wesentlich mildern oder verstecken zu müssen.

„Die Frage, wie etwas gelesen und verstanden wird, ist unumgänglich im Schöpfungsprozess.“

Du hast in einem Interview erwähnt, dass man nie nur mit Klängen, sondern immer auch mit Kontexten von Klängen komponiert. Das fand ich eine wichtige Überlegung. Was heißt das für dich in der Umsetzung? 

Mirela Ivičević: Es gibt prinzipiell zwei Wege: Entweder versuchst du, einen möglichst referenz-freien Klang zu erzeugen, oder du musst davon ausgehen, dass fast jeder Klang bereits mit musikalischen bzw. außermusikalischen Bedeutungen aufgeladen ist. Im zweiten Fall sollte man diese Bedeutungen möglichst genau erforschen, sich ihrer bewusst sein und sie in den Kompositionsprozess integrieren. Fast alle Komponierenden, inklusive meiner selbst, träumen davon, den ersten Weg zu beschreiten. Deshalb lieben viele von uns Helmut Lachenmann so sehr – seine Musik schafft das. Sie katapultiert dich auf einen anderen Planeten. Es ist eine Herausforderung, so etwas zu versuchen, denn auch wenn es schwierig ist, gestaltest du so etwas wesentlich Größeres, Zeitloses.

Mit dem zweiten Weg habe ich mich im Laufe meiner Arbeit im Theaterbereich, mit meiner Beschäftigung mit Text und Bild, vertraut gemacht. Die Frage, wie etwas gelesen und verstanden wird, ist unumgänglich im Schöpfungsprozess. Es ist auch in gewisser Weise eine Donquichotterie, weil man sich der Antwort nie sicher sein kann. Aber sich bei etwas sicher zu sein, ist sowieso überbewertet. Ich schlage diesen Weg gerne ein, weil ich hier mit etwas Glück extrem intensive Reaktionen bewirken kann – auf das Neugeschaffene, aber auch auf das rekontextualisierte Material selbst. Es kann deine Perspektive herausfordern, was ich sehr wichtig finde.

„Es war mir immer bewusst, wie stark die Kraft der Musik ist […]“

Queerness, Otherness, Selbstbestimmung, persönliche Freiheit – wie politisch ist deine Kunst? Du baust biografische Elemente in deine Kompositionen ein. So z. B. in den Stücken „Case Black“ und „Case White“, das auf eine 1943 gescheiterte Offensive der Achsenmächte in Bosnien referiert, in der viele jugoslawische Partisanen, darunter auch dein Großvater, gefallen sind. Du thematisierst den damals herrschenden Faschismus und setzt ihn in Bezug zu den faschistischen Tendenzen unserer Zeit. Was vermag die Musik in politisch zerrütteten Zeiten? Worin siehst du ihre Aufgabe?

Mirela Ivičević: Meine Werke sind oft ziemlich politisch, zumindest so weit, wie es mir mein Hauptmedium Klang ermöglicht. Es war mir immer bewusst, wie stark die Kraft der Musik ist und wie viel Macht sie hat. Es gibt keinen Krieg, inklusive desjenigen, den ich selbst erlebt habe, keine Diktatur, der sie nicht erfolgreich geholfen hätte. Ich fühle mich fast verpflichtet, dem entgegenzuwirken, indem ich diese „Superpower“ selbst in die Hände nehme. Vor allem wenn man schon den regelmäßigen Zugang zur Öffentlichkeit hat, finde ich es wichtig, diesen für gute Zwecke zu gebrauchen.

Steht die Notation der Freiheit des künstlerischen Ausdrucks eigentlich jemals im Weg?  

Mirela Ivičević: Notierte Musk kann sehr frei und auch befreiend sein. Zumindest für die Komponierenden. Ich finde es immer interessant, wie Menschen, die die Notation der Klänge nicht kennen, sie als etwas Begrenzendes wahrnehmen. Dabei ist sie eine Sprache und Kenntnisse über eine Sprache zu haben, ist ja etwas Befreiendes, das uns ermöglicht, unsere Innenwelt und Ideen möglichst genau auszudrücken und mit anderen auszutauschen. Das ist für alle Beteiligten sehr bereichernd. Außerdem wandelt sich diese Sprache auch. Partituren sehen schon lange nicht mehr aus wie in Zeiten der Ersten Wiener Schule und jede und jeder darf zu ihrer Entwicklung beitragen. Nicht alle meiner Stücke sind im traditionellen Sinn ausnotiert. Es gibt auch rein grafische, textuelle Partituren oder Improvisationsanleitungen. Alle diese Wege haben ihre Vorteile, je nach Situation und Material.

Alien Score (c) Mirela Ivicevic

Welche Rolle spielt die Besetzung? Welchen Reiz bringt ein Orchester mit sich, welchen eine Solomusikerin bzw. ein Solomusiker? Du hast bereits Werke für unterschiedliche Besetzungen geschrieben, musst du oft auch pragmatisch bleiben? Das sind ja auch ökonomische Fragen, die damit einhergehen, für wen du komponierst.

Mirela Ivičević: Ja, ein Orchester ist ein klingendes Universum: riesig, machtvoll, überwältigend. Dasselbe gilt für Werke, die für ein solches geschaffen sind. Natürlich hat das einen besonderen Reiz. Das Problem ist allerdings, dass man – auch wenn man die Gelegenheit bekommt, für Orchester zu komponieren – selten die Probenzeit hat, die man bräuchte, um all die Finessen zu erarbeiten, die sich anbieten. Es kostet einfach zu viel.

Die Arbeit mit einer Solistin bzw. einem Solisten ist in diesem Sinne oft erfolgreicher. Es ist auch ein intimerer Zugang. Man kann dem Menschen näherkommen und die authentischen Eigenschaften der Musikerin bzw. des Musikers, deren bzw. dessen Persönlichkeit als Inspirationsquelle oder sogar als Instrument verwenden. Manche meiner besten Werke sind meiner Meinung nach in einer solch engen Zusammenarbeit entstanden.

„Ich ziehe keine Grenzen.“

Scarlet Song Kaja Farszky (c) Archiv Ivičević

Zuspielungen, Patches, Elektronik – welche Rolle spielt das erweiterte Instrumentarium in deinen Kompositionen? Ein Beispiel wäre dein Stück „it bangs, it melts, it burns, it grows, it… for live luminoacoustics/solar panels and live electronics” aus dem Jahr 2016.

Mirela Ivičević: Ich ziehe keine Grenzen. Es lässt sich mit jeder Klangquelle arbeiten. „Luminoacoustics“ ist eine Performance und Kompositionstechnik, die vom kroatischem Künstlerduo Lightune.G entwickelt wurde. Es basiert auf der direkten Konversion von Licht in Ton mithilfe von Solarpanelen. Das heißt, du kannst mit absolut allen Lichtquellen im Raum komponieren, von Feuerzeugen bis hin zu Notausgangsschildern. Die „Luminoakustik“ bricht mit allen bestehenden Ordnungssystemen in Komposition und Aufführung.

Wir haben zu viert an der Verwirklichung des Stückes gearbeitet: die kroatische Schlagzeugerin Kaja Farszky, Lightune.G  [der Medienkünstler Bojan Gagic und der Ingenieur der Elektroakustik Miodrag Gladovic; Anm.] und ich. Die Unterschiedlichkeit unseres Backgrounds verlangte nach einer ganz neuen Art der Zusammenarbeit, aber das gesammelte Wissen und der Erfahrungsschatz, den wir alle eingebracht haben, waren unbezahlbar.

 „Mein eigener Fluchtweg in die Referenzfreiheit.“

Ein weiterer Schwerpunkt deiner kompositorischen Arbeit ist die Auseinandersetzung mit Sprache. Sie zu zerlegen, neu zu wenden und zu konstellieren spielt in vielen deiner Stücke eine Rolle. Welche Möglichkeiten eröffnen sich dadurch? Beispiele wären die „Dominosa“-Reihe und auch deine Komposition „Scarlet.Song“.

Mirela Ivičević: Wie bereits erwähnt, kann man in der Sprache, sofern man sie spricht und die Worte versteht, nicht mehr von einem referenzfreien Ort reden. Es eröffnen sich dafür unzählige Wege, Narrationen und Bedeutungen zu verschieben. Das ist für mich extrem spannend! Andererseits lässt sie sich auch als abstraktes Material in einer Komposition einsetzen, z. B. indem man nur ihre rhythmische Struktur übernimmt.

Du hast keine Berührungsängste mit Noise. Im Gegenteil forcierst du gerne das klangliche Chaos. Was interessiert dich an diesen Klangmengen?  

Mirela Ivičević: Das hat viele Gründe. Einerseits fungiert es für mich als eine Metapher für die Auflösung unnötiger Grenzen – in der Musik und im Leben allgemein. Ich vergleiche Noise oft mit dem Meer: Viele haben Angst davor, so weit ins Meer hinauszuschwimmen, bis der Boden so dunkel aussieht, dass man eigentlich nichts mehr erkennen kann. Für mich war das aber schon als Kind das Beste! Ich konnte mich da am besten auf mich selbst konzentrieren, auf die Bewegung des Schwimmens. Ich konnte mein Dasein als Ganzes wahrnehmen. Außerdem habe ich das Glück – oder auch den Fluch –, ein absolutes Gehör zu haben. Ich kann eigentlich keine temperierte Musik hören, ohne dass mein Hirn automatisch zumindest die prominentesten Tonhöhen erkennt. Wenn die Frequenzdichte so groß ist, ist das nicht mehr so leicht möglich, das heißt, ich höre anders und kann mich entspannen. Es ist befreiend. Mein eigener Fluchtweg in die Referenzfreiheit.

 „[J]eder Klang [kann] ein Mittel zur Destabilisierung sein”

Wie lässt sich das subversive Potenzial von Klängen eigentlich bestimmen?

Mirela Ivičević: Man kann es nicht zu 100 Prozent bestimmen, man kann es nur vermuten. Grundsätzlich kann jeder Klang ein Mittel zur Destabilisierung sein und mit der bestehenden Ordnung und bestehenden Hierarchien brechen – oder eben nicht, je nach Anatomie Letzterer. Man sollte auf jeden Fall die Umstände, in denen sie erklingen, gut kennen. Es ist etwas, was man nur schwer zähmen kann, aber es lohnt sich trotzdem, die Subversion zu wagen.

„Fast alle meine Ideen und Konzepte haben etwas mit dem Durchbrechen von Tabus zu tun”

Ich frage mich, wie viel Mut in der zeitgenössischen Komposition erforderlich ist. Aber auch, welche Rolle Rebellion und Tabubruch für dich spielen.

Mirela Ivičević: In der „philosophischen“ oder konzeptuellen Phase der Entstehung eines Werkes ist es das Wichtigste, dass ich mich frage, was und warum ich etwas machen möchte. Fast alle meine Ideen und Konzepte haben etwas mit dem Durchbrechen von Tabus zu tun, die ich unnötig finde. Es existieren viel zu viele davon!

Ein Stück von dir nennt sich „FEAR.LESS.SONGS“. Lässt sich das in dem Zusammenhang lesen?

Mirela Ivičević: „FEAR.LESS.SONGS“ wurde vom Trio Korngold, einem brillantem, höchst virtuosem Ensemble für klassische Musik, beauftragt. Ich wollte ein Stück für das Ensemble schaffen, das neuere Kompositionsansätze und Spieltechniken, die in der klassischen Musikwelt tatsächlich immer noch Tabus sind, „detabuisiert“ und quasi von einem Trauma befreit, ohne dass ich große kompositorische Kompromisse machen musste. Man könnte auch sagen, es ist ein didaktisches Stück, und ich finde es sehr wichtig. Erste Erfahrungen sind so prägend!

Gleichzeitig gibt es Kompositionen, in denen du die Selbstermächtigung und die weibliche Sexualität thematisierst. Meinst du, das ist im Kontext der zeitgenössischen Komposition nach wie vor ein tabuisierter Bereich?

Mirela Ivičević: Ich habe nicht die Erfahrung gemacht, dass es im Kontext der zeitgenössischen Komposition irgendwie schlimmer wäre also sonst wo. Es ist eher so, dass für viele Menschen generell sowohl ihre eigene Sexualität als auch die der anderen etwas Beängstigendes haben. Die Macht, die darin liegt, stellt eine allzu große Bedrohung für die bestehenden Machtstrukturen dar. Umso wichtiger ist es, glaube ich, sie zu befreien.

Sex, Gewalt, Krieg, aber auch Humor spielen eine Rolle in deiner Arbeit. Gerade dieser ist schwierig zu kommunizieren bzw. denken vermutlich viele, das sei nicht vereinbar mit notierter zeitgenössischer Musik, die sich sonst nicht wirklich niederschwellig gibt. Kann Humor auch ein Weg sein, mit Vorurteilen zu brechen und das Publikum auf vielleicht direkterem Weg zu erreichen?

Mirela Ivičević: „Jeder Witz ist eine kleine Revolution“, wie George Orwell einmal sagte. Vielleicht nicht jeder einzelne, aber das Potenzial, das Humor mit sich bringt, ist sehr groß, auch wenn es um die Kommunikation mit dem Publikum geht. Es kommt immer darauf an, wann und wie man ihn einsetzt.

„Ästhetischer Pluralismus ist wahrscheinlich eines der wichtigsten Merkmale meiner Arbeit.“

Wie wichtig findest du es, die zeitgenössische Komposition auch in Richtung anderer Genres und Disziplinen zu öffnen? Wenn ich mir z. B. „THE F SONG“ anhöre, dann finden sich Jazz-Artefakte und Popmusik-Anklänge, mit denen du dann wieder brichst. Das Resultat klingt sehr heterogen. Wie wichtig ist ästhetischer Pluralismus für deine kompositorische Arbeit?

Mirela Ivičević: Ästhetischer Pluralismus ist wahrscheinlich eines der wichtigsten Merkmale meiner Arbeit. Neue Musik ist kein Genre an und für sich, es ist eine Denkart. Ich sehe nicht ein, warum ich nicht die Möglichkeit haben soll, alles zu instrumentalisieren, was mir gerade sinnvoll vorkommt. Sich auf ein Genre oder etwas Bestimmtes zu begrenzen ist für einen Denkprozess nicht gerade fruchtbar. In meinem Fall noch weniger, da das, was mich am meisten interessiert, nämlich gerade das ist: Räume zu schaffen, in denen Unterschiedlichkeiten zusammenleben können.

Du hast bereits mit renommierten Ensembles zusammengearbeitet, u.a. mit dem Klangforum Wien, dem Ensemble Nikel, dem Ensemble Reconsil, aber v. a. auch dem Black Page Orchestra, das du mitbegründet hast. Das Stück „Case Black“ hast du für das Black Page Orchestra geschrieben und „Case White“ ist als Auftragsstück für das Klangforum Wien entstanden. Wie ist es, mit dem Klangforum zu arbeiten?

Mirela Ivičević: Sehr angenehm und inspirierend! Die Mitglieder sind sehr offen, nehmen sich Zeit, gehen auf alle Wünsche der Komponistin oder des Komponisten ein. Sie haben einen riesigen Pool an Klangfarben und Spieltechniken! Man fühlt sich wie vor einer Spielzeuglade, die nur für einen selbst geöffnet wurde. Nach einer Probe mit ihnen bin ich immer überglücklich!

„Sie sind das intensivste Beispiel dafür, dass Vielfalt immer Sinn macht.“

Und über welche Stärken verfügt das Black Page Orchestra in deinen Augen?

Mirela Ivičević: Das Black Page Orchestra ist eine sehr heterogene Gruppe von Musikerinnen und Musikern aus der ganzen Welt, die unterschiedlichste Backgrounds haben. Manche von ihnen sind eher auf Neue Musik spezialisiert, manche kommen aus dem Jazz, manche haben abseits von BPO Karrieren im Bereich klassischer oder sogar Popmusik gemacht. Und dann treffen sie sich als BPO, um die radikalsten elektroakustischen und intermedialen Kompositionen aufzuführen. Diese Tatsache und die Energie, die sie bei der Umsetzung ausstrahlen, sind einfach überwältigend! Ich bin sehr glücklich, dass ich mit ihnen verbunden bin. Sie sind das intensivste Beispiel dafür, dass Vielfalt immer Sinn macht.

Du bist auf Facebook und Instagram aktiv. Wie gehst du als Komponistin mit dem Druck der Selbstvermarktung um, die vermehrt auch über die schnelllebigen Social-Media-Plattformen abgewickelt wird? Fühlst du dich dazu gedrängt, diese Kanäle zu bedienen?

Mirela Ivičević: Ich habe eigentlich aus Spaß damit angefangen. Das ist es nach wie vor. Ein PR-Experte würde sicher sagen, ich solle es anders machen, aber das interessiert mich nicht. Ich bin da sehr impulsiv und emotional. Wenn ich etwas sehe, was ich gerne mit anderen teile, egal wie trivial, tu ich es, wenn ich keine Lust habe, dann tu ich es nicht.

Neben deinem Kompositionsstudium hast du auch Kulturmanagement studiert. Du warst als Co-Kuratorin des kroatischen Festivals Dani Nove Glazbe tätig und bist in die Organisation des Black Page Orchestra involviert. Ist es förderlich oder vielleicht sogar störend, nebenbei als Komponistin tätig zu sein und vice versa?

Mirela Ivičević: Kuratorin und Produzentin zu sein, hat mir trotz der Schwierigkeiten, auf die du immer wieder in der freien Szene triffst, eigentlich Spaß gemacht. Eine Balance zwischen den zwei Tätigkeiten zu finden, hat schon Vorteile: Man wechselt die Perspektiven, lernt die Leute anders kennen. Kuratieren ist außerdem auch eine Kompositionsarbeit, und zwar eine, die viele unterschätzen.

Wie wichtig ist denn der Austausch mit Kolleginnen und Kollegen überhaupt?

Mirela Ivičević: Das Komponieren ist zum Teil ein sehr einsamer Prozess. Erst bei den Proben kommt man mit anderen intensiver zusammen. Diese Momente mag ich am meisten. Auch Festival-Besuche bieten dir die Gelegenheit, dich mit anderen Komponistinnen und Komponisten auszutauschen. .

„Das wäre für mich höllisch langweilig!“

Wie viel Orientierung benötigst du als Komponistin? Verstehst du das Komponieren als mehr oder weniger autonomen schöpferischen Prozess oder reflektierst und reagierst du auf Trends und Strömungen?

Mirela Ivičević: Das ist für jede Komponistin und jeden Komponisten anders. Ich bin neugierig. Ich höre mir viel an, aber wenn ich komponiere, interessieren mich die Trends und die Strömungen eigentlich nicht. Ich beschäftige mich gerne mit musikalischen, aber auch nicht musikalischen Phänomenen unserer Gegenwart. Aber ich möchte keinem Trend und auch keinem Genre treu bleiben. Das wäre für mich höllisch langweilig! Natürlich fließen unterbewusst Mikroelemente des bereits Gehörten in das Neugeschaffene, aber was das bewusste Entscheiden betrifft, lautet meine Regel: Wenn es dem Konzept, das ich habe, dient, nehme ich es, egal woher es kommt, wenn nicht, dann nicht.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Shilla Strelka

Mirela Ivičević ist mit dem Erste Bank Kompositionspreis 2019 ausgezeichnet. Das Werk wird vom Klangforum Wien gespielt und die Uraufführung findet im Rahmen von Wien Modern, am 13. November statt.

Termine:
13. September 2019, Unsafe+Sounds Festival Interlude, Steinergasse 8, 1170 Wien
13. November 2019, Wien Modern 2019

Links:
Mirela Ivičević (Website)
Mirela Ivičević (Soundcloud)

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