„Musik muss berühren“ – Carlos Marques und Jaime Wolfson (Ensemble Platypus) im mica-Interview

Platypus, wie das Schnabeltier auf Latein heißt, ist ein flaches und zugleich sehr wendiges Säugetier, das unter der Erde lebt. Diese Art Mischwesen mit Fell, Schnabel und Plattfüßen mit Schwimmhäuten gibt dem Ensemble Platypus seinen Namen, der für die Vielfältigkeit der seit 2006 bestehenden Formation steht. Ursprünglich auf Initiative der Kompositionsstudenten Hannes Dufek, Fernando Riederer und Christoph W. Breidler. gegründet, wird Platypus seit kurzem von Carlos Marques, alias [ka’mi], und Jaime Wolfson geleitet. Wir haben die beiden zum Interview getroffen.

Sie machen seit über 13 Jahren Musik miteinander. Wie haben Sie sich kennengelernt?

Jaime Wolfson: Wir waren alle Kompositionsstudenten an der Wiener Musikuniversität. Ich bin erst nach der Gründung dazu gekommen, als ich eingeladen wurde, beim ersten Komponisten-Marathon im Haus der Musik, zu dirigieren. Die Energie und die Begeisterung der Musiker haben mich so beeindruckt, dass ich unbedingt Teil davon sein wollte. Also habe ich den Organisatoren – das waren damals Fernando Riederer, Hannes Dufek und Christoph Breidler – gesagt, dass ich gerne mitmachen möchte.

Marathon klingt nach vielen Stunden Musik … 

Jaime Wolfson: Es war eine große Herausforderung, vor allem für die Organisatoren. Zugleich hat man gesehen, wie lebendig die junge Komponistenszene ist. 2007 hatten es Kompositionsstudenten wesentlich schwerer, ihre Werke der Öffentlichkeit zu präsentieren. Auf der Uni gab es einen Klassenabend pro Jahr, und das war’s. Wir wollten den Komponistinnen und Komponisten eine Plattform bieten, wo ihre Musik aufgeführt wird. Das Marathon-Projekt war übrigens so erfolgreich, das wir im Rahmen von Wien Modern damit auch das WUK und das Konzerthaus bespielt haben.

„Mich hat es interessiert zu sehen, was die junge Generation macht.“

[ka’mi], Sie sind erst später zum Schnabeltier dazugestoßen …

[ka’mi]: Als das Ensemble sich formiert hat, habe ich noch in Graz studiert. 2010 habe ich einige Musiker des Ensembles in Darmstadt kennengelernt. Seit dem Jahr 2017 bin ich Teil davon.

Jaime Wolfson: Du bist auch derjenige, der die meisten Konzerte von Platypus gesehen hat.

[ka’mi]: Ich fand gut, was da gemacht wird. Es hat mich an meine Zeit in Portugal erinnert. Ich habe schon während meines Studiums in Lissabon erkannt, wie schwierig es sein wird, Zugang zum regulären Musikbetrieb zu bekommen. Um Kompositionsaufträge zu bekommen, musste man bereits etabliert sein. Auf der anderen Seite finden sich unter der Bezeichnung „zeitgenössisch“ oder „modern“ immer noch Werke, die vor über hundert Jahren geschrieben wurden. Mich hat es interessiert zu sehen, was die junge Generation macht.

Haben es junge Komponistinnen und Komponisten heute leichter, ihre Werke gespielt zu bekommen?

[ka’mi]: Ich denke, dass Neue Musik immer eine Nische bleiben wird. Das Besondere an Platypus war, dass hier vor allem junge, noch unbekannte Künstlerinnen und Künstler aus der ganzen Welt ihre Arbeiten einem breiteren Publikum präsentieren konnten. Die Leute hatten Spaß daran, weil die Programme frisch und unverbraucht waren. Was man normalerweise bei Neue-Musik-Festivals hört, gehört ja fast schon zum Mainstream. Wir wollten uns davon ganz bewusst abheben.

Ensemble Platypus (c) Miriam Damev
Ensemble Platypus (c) Miriam Damev

„Man muss Neue Musik nicht verstehen, man muss sie nur ohne Angst hören.“

War Neue Musik immer schon Teil Ihres musikalischen Werdegangs?

Jaime Wolfson: Überhaupt nicht. Ich habe in Mexiko Klavier studiert und bin mit 21 Jahren nach Wien gekommen. Neue Musik hat mich damals weder interessiert noch hat sie mir gefallen. Kurz vor Ende des Studiums, als ich eigentlich schon geplant hatte, wieder nach Mexiko zurückzugehen, hat mir mein Klavierprofessor Johannes Marian angeboten, ein Konzert mit dem Ensemble Wiener Collage zu spielen. Vor mir hat sich eine ganz neue Welt aufgetan. René Staar hat die Musik ganz traditionell behandelt. Er hat von Phrasen gesprochen, von Spannung, von Farben, von Modulationen und von emotionalen Zuständen. Genau so, als würde man eine Mozart-Symphonie proben. Damals habe ich erkannt, dass Neue Musik nach denselben Prinzipien funktioniert. Und ich habe begonnen zu verstehen, was da passiert – ohne Angst. Ich höre immer wieder, dass Leute sagen, sie verstehen diese Musik nicht. Man muss Neue Musik nicht verstehen, man muss sie nur ohne Angst hören. Als ich György Kurtág kennengelernt habe, war das ähnlich. Für ihn gab es keinen Unterschied, ob er Beethoven oder seine eigene Musik unterrichtet. „Man kann mit nur einem Ton Musik machen“, hat er immer gesagt. Das hat mich dazu inspiriert, Komposition und Dirigieren zu studieren.

[ka’mi]: Mich hat Neue Musik schon sehr früh interessiert, sie war für mich auch der Grund, Komposition zu studieren. In Lissabon habe ich zum ersten Mal das Klangforum Wien gehört. Überhaupt gab es damals sehr gute Konzerte in der Stadt, die leider sehr schlecht besucht waren. Mir war schnell klar, dass Neue Musik nicht nur eine Nische ist, sondern ein täglicher Kampf. Mit der Musik, die wir machen, stoßen wir an Grenzen und gehen darüber hinaus. Das ist so, als würde man auf einem seltenen Gebiet forschen.

Aber man macht Musik doch nicht für das stille Kämmerlein.

[ka’mi]: Natürlich wollen wir die Menschen mit unserer Musik ansprechen. Das ist heute einfacher als vor 20 Jahren, wo man als Instrumentalist sein Studium abschließen konnte, ohne je etwas Zeitgenössisches gespielt zu haben. Außerdem müssen wir nicht nur das Publikum überzeugen, sondern auch die Musikerinnen und Musiker, damit sie die Stücke spielen. Zum Glück gibt es mittlerweile Künstlerinnen und Künstler wie das Studio Dan oder die Pianistin Joana Gama, die Neue Musik mit anderen Kunstformen verbinden und so zugänglicher machen.

Vermittlung spielt in Ihrer Arbeit eine wichtige Rolle. Wie vermittelt man Neue Musik?

Jaime Wolfson: Am besten so früh wie möglich. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Kinder ganz anders mit Musik umgehen. Sie haben Lust zu experimentieren und sind offen für Neues. Letzte Woche waren wir mit dem Ensemble in einem Gymnasium und haben gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern ein paar Takte aus einem Hans-Zender-Stück erarbeitet. Wir haben über die Notierung gesprochen und am Klang gefeilt. In Zukunft wünschen wir uns, dass wir eigens entwickelte Programme gemeinsam mit den Kindern erarbeiten und anschließend mit ihnen im Konzert aufführen.

Euer neues Programm heißt „K+REUZ“. Wie seid ihr auf diesen Titel gekommen?

[ka’mi]: Wir haben im Herbst letzten Jahres begonnen ein neues Programm zu planen. Nachdem das erste Konzert im März stattfinden sollte, dachten wir, dass das Kreuz ganz gut passt.

Jaime Wolfson: Uns ist die Partitur von George Crumbs „Cruzifixus“ in den Sinn gekommen, die in Form eines Kreuzes notiert ist. Rundherum ist nach und nach das restliche Programm entstanden. Wir hatten viele Ideen – von Beethovens Kreutzer-Sonate bis zu Bach und Messiaen. Letztendlich sind es etwa Stücke von Furrer, Gubaidulina, Schönberg, Zender und Damián Gorandi geworden.

Das „K+Reuz“-Programm habt ihr im Echoraum in völliger Dunkelheit und ohne Pausen aufgeführt. Crumbs Partitur wurde dabei auf den Boden projiziert.

[ka’mi]: Wir geben dem Programm eine Dramaturgie, damit die Stücke ihr volles Potenzial entfalten und bestmöglich wirken können. Deshalb kuratieren wir unsere Programme mit szenischen Elementen oder mit speziellem Licht. Beim K+REUZ-Konzept haben wir uns intensiv mit den Partituren beschäftigt und genau überlegt, wie wir die einzelnen Übergänge gestalten, damit die unterschiedlichen Stücke eine Einheit bilden.

Jaime Wolfson: Komponistinnen und Komponisten schreiben in den seltensten Fällen für ein bestimmtes Programm. Wenn wir die Stücke aufführen, bringen wir sie in einen Kontext, der vielleicht gar nicht so vorgesehen war. Eine Aufführung ist immer eine Interpretation. Wie fängt man an? Wo hört man auf? Was schafft man für eine Stimmung? Wonach verlangt die Musik? Wie bettet man sie ein? Das sind essentielle Fragen, die wir uns stellen.

Ensemble Platypus (c) Miriam Damev
Ensemble Platypus (c) Miriam Damev

„Ich bin überhaupt der Meinung, dass wir viel mehr Kunst im öffentlichen Raum brauchen, weil sie das Zusammenleben bereichert.“

Wie kann man den Menschen die Angst vor der Neuen Musik nehmen?

Jaime Wolfson: Indem man sie in den öffentlich Raum verlagert. Ich finde es schön, wenn plötzlich irgendwo Musik spielt, spontan und ohne Ankündigung. Man nimmt die Umgebung viel bewusster wahr, wenn bestimmte Klänge da sind. Ich bin überhaupt der Meinung, dass wir viel mehr Kunst im öffentlichen Raum brauchen, weil sie das Zusammenleben bereichert.

[ka’mi]: Musik muss berühren. In Zukunft möchten wir mit älteren Menschen zusammenarbeiten, die uns ihre Geschichten erzählen. Die passenden Klänge bzw. die passenden Stücke dazu entwickeln wir gemeinsam. So kann ein sehr persönliches, unmittelbares Projekt für die Bühne entstehen.

Ihr leitet ein Ensemble, spielt, kuratiert und unterrichtet. Geht ihr selber noch gerne ins Konzert?

Jaime Wolfson: Unbedingt! Ich gehe sehr gerne in klassische Konzerte, weil ich es genieße zu erleben, wie große Solistinnen und Solisten den Klang pflegen, wie sie phrasieren und artikulieren. Für mich geht es um die Suche nach Schönheit, und die empfindet natürlich jeder anders. Ich erlebe sie immer wieder bei den vielen großartigen Konzerten, die ich in Wien erlebe.

[ka’mi]: Wenn ich ins Konzert gehe, denke ich nicht über Kategorien nach. Ich höre, was ich gut finde. Und wenn ich etwas nicht gleich gut finde, versuche ich trotzdem mich darauf einzulassen. Als Komponist kann ich von allem lernen.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Miriam Damev

Jaime Wolfson studierte an der Musikuniversität Wien sowie an der Bruckneruniversität Linz Klavier, Dirigieren und Komposition. Besonderen Einfluss auf Wolfson hatte ein Kurs bei György Kurtág, währenddessen der Komponist ihn herzlich „in die Familie“ aufnahm. Wichtige Impulse für seine Dirigiertätigkeit holte er sich bei der Arbeit mit dem Ensemble Wiener Collage und dessen Leiter René Staar. Für das EWC komponierte Wolfson mehrere Stücke wie z.B. „El Arpa Verde“ (2018) für Ensemble und 70 Steinpaare-Spieler. 2010 erhielt Wolfson den Theodor Körner-Kompositionspreis, 2012 den Würdigungspreis des BMWF und 2013 das Staatstipendium des BMUKK für Komposition. Er arbeitete mit Komponisten wie Peter Ablinger, Georg Nussbaumer, Michael Jarrell, Bernhard Lang und Wolfgang Mitterer zusammen. Wolfson ist Senior Lecturer für Neue Musik am Joseph Haydn Institut der Musikuniversität Wien. Er ist Mitbegründer des Ensemble Platypus und übernahm 2019 dessen musikalische Leitung.

[ka’mi] wurde 1973 in Lissabon geboren. Er studierte Architektur und Geologie und brachte sich selbst das Gitarrespielen bei. Im Jahr 2001 schloss er das Studium der Musikwissenschaft an der UNL-FCSH (Neue Universität Lissabon, Fakultät für Sozial- und Humanwissenschaften) ab. Danach absolvierte er das Studium der Komposition an der ESML (Hochschule für Musik Lissabon) und lernte u.a. bei Christopher Bochmann, António Pinho Vargas, Luís Tinoco, João Madureira, Roberto Perez und Sérgio Azevedo. 2004 nahm er an den Darmstädter Sommerkursen teil und arbeitete mit Brian Ferneyhough, Georg Friedrich Haas, Toshio Hosokawa, Chaya Czernowin, Enno Poppe und Wolfgang Mitterer zusammen. Im Jahr 2005 nahm er am Kompositionsseminar bei Emmanuel Nunes an der Gulbenkian-Stiftung teil. Von 2006 bis 2008 absolviert er ein postgraduales Kompositionsstudium bei Gerd Kühr und Pierluigi Billone an der KUG in Graz. 2008 wurde sein Werk „Jenseits des Klangs“ im Rahmen des musikprotokolls im Steirischen Herbst uraufgeführt. Seit 2008 ist [ka’mi] Stipendiat der „FCT- Fundação para a Ciência e a Tecnologia“ (Stiftung für Wissenschaft und Technik). Derzeit schreibt er seine Doktorarbeit über Mikrotonalität bei Professor Reinhard Kapp an der MDW in Wien.

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