„Im Grunde genommen bin ich ein Hippie“ – ALEX MIKSCH im mica-Interview

Eben ist das sechste Album „Nur a Opfe“ (PREISER RECORDS) von ALEX MIKSCH erschienen: Mit neuer Bandbesetzung wurde es live an vier Tagen eingespielt. Jürgen Plank hat den umtriebigen Musiker getroffen und sprach mit ihm über Zirkus- und Balkanmusik, TOM WAITS, Bundeskanzler Kurz und den Apfel als Symbol für die Welt und die Vertreibung aus dem Paradies.

Wofür steht das neue Album „Nur a Opfe“ für dich?

Alex Miksch: Als ich das Album gemacht habe, habe ich mir gedacht: „Das ist das letzte Album, das ich auf diese Art mache.“ Weil es nur mühsam ist, sich von Leuten Geld für eine Platte auszuborgen. Bei mir ist es so, dass sich Lieder über einen Zeitraum ansammeln. Ich schreibe nicht regelmäßig, sondern es sammeln sich Fragmente an, auch im Kopf. Dann kommt immer der Zeitpunkt, an dem ich mich hinsetze, und dann ist es eigentlich eine intensive Arbeit in einem relativ kurzen Zeitraum. Dann suche ich mir jemanden, mit dem ich die Platte machen kann. Mit den Musikerinnen und Musikern, die beim neuen Album dabei sind, war es sehr einfach.

Am Cover ist ein Apfel abgebildet, ist das ein christliches Sujet oder steht der Apfel für die Welt, wie du in einem der Lieder singst?

Alex Miksch: Der Apfel ist für mich ein offenes Bild und natürlich hat das mit unserer katholisch geprägten Gegend hier zu tun. Mit der Vertreibung aus dem Paradies. Aber der Apfel ist ein fruchtbares Symbol, das ist sehr einfach, denn er wächst bei uns. Die Obstfliegen kennen alle: Wenn die mehr werden, wird der Apfel weniger. Schorsch Feierfeil und ich haben gemeint, dass es gut ist, die Bilder auf den Apfel zu reduzieren, denn der zeigt sehr viel, der ist im Booklet in verschiedenen Stadien abgebildet. Es gibt auch schöne Bilder, die man teilweise in Videos sieht, das Kolosseum in Rom, in dem ein Tschick drinsteckt, gefällt mir auch ganz gut, das bezieht sich auf das Lied „Wer zum Teife“.

Wie hast du Otto Lechner als Mitmusiker gewinnen können?

Alex Miksch: Ich habe Otto Lechner zum ersten Mal gesehen, als ich zwölf oder 13 Jahre alt war. Er hat auf einer Hochzeit im Stift Melk gespielt. In der Pause habe ich ihm vom Kassettenrekorder-Aufnahmen von mir vorgespielt. Ich habe ihm das voll Stolz vorgespielt, nachdem er schon „Seven Steps to Heaven“ von Miles Davis gespielt hat. Im Nachhinein war es mir peinlich. Irgendwann hätte uns Dieter Graf mal miteinander spielen lassen, aber das ist sich nicht ausgegangen. Im Billini, das ist auch Ottos Stammbeisl, hat er mich eines Tages gefragt, ob ich auch Bass spielen kann, und ich habe dann mit Otto und dem Schlagzeuger Wolfgang Reisinger gespielt. Irgendwann wurde ich für eine Tom-Waits-Geschichte in St. Pölten angefragt, ich habe Otto gefragt, ob er Zeit hat, und seitdem spielen wir regelmäßig.

Und jetzt ist er bei einigen Nummern auf der Platte dabei.

Alex Miksch: Ja, zum Beispiel bei „Des Haus“, Nur a Opfe“ und „Nosse Schuach“, das ist schön, mit dem Akkordeon. Otto fix in einer Band zu haben geht nicht, dafür ist er zu sehr ein Freigeist. Aber wenn er Zeit und Lust hat, ist er immer wieder dabei.

„Ich vermeide es, schulmeisterlich zu sein, das mag ich auch nicht hören und schon gar nicht von mir.“

Welche Geschichte steckt hinter dem Lied „Des Haus“, hat das Lied wahre Wurzeln?

Alex Miksch: Im Grunde haben meine Lieder schon etwas mit wahren Geschichten zu tun. Aber natürlich in eine andere Form gebracht, in einem anderen Kontext, offener gestaltet, weil Geschichten sich bei Menschen ja ähneln. Alle, die sich ein Lied von mir anhören, können dadurch einen Zugang zu ihrer eigenen Geschichte finden. Ich vermeide es, schulmeisterlich zu sein, das mag ich auch nicht hören und schon gar nicht von mir.

Ich bin in Krems aufgewachsen, in einem Zinshaus, meine Schwester und ich haben das dann – nachdem meine Eltern verstorben waren – verkauft, weil wir es nicht erhalten konnten. Das war riesig, mitten in Krems und da gibt es Auflagen vom Denkmalamt. Das Haus war sanierungsbedürftig und wir haben das Geld dafür einfach nicht gehabt.

Wie hast du dieses Haus in ein Lied verpackt?

Alex Miksch: Ich bin kein esoterischer Typ, aber ich bin draufgekommen, dass alte Mauern Geschichten speichern können. Ich habe einiges erfahren, was in diesem Haus passiert ist, über eine Familie im Dritten Reich. Und das sind keine schönen Geschichten. Momentan gefällt mir das Lied auf der Platte gut, weil es auch die Kurzsichtigkeit unseres „Kurzen“ anspricht. Die Einstellung, dass Besitz in der Jugend das Beste gegen Altersarmut ist, ist einfach völliger Unsinn. Das habe ich erlebt, wir haben die Hütte nicht versoffen. So schnell kannst du gar nicht schauen und das Haus gehört der Bank. Das Lied ist ein Symbol dafür.

Beim Lied „Am Zindln“ habe ich an die zirkusartige Ästhetik in der Musik von Tom Waits gedacht, von dem du ja bereits Lieder in den österreichischen Dialekt übertragen hast.

Alex Miksch: Das ist ein zirkus- und balkanartiges Ding. Damit hat sich Tom Waits schon in den 1980er-Jahren gespielt.

„Ich kann mich an eine Situation in meinem Leben erinnern, in der ich nicht weit von Obdachlosigkeit entfernt war.“

Was fasziniert dich an Zirkus- und Balkanmusik?

Alex Miksch: Das Wilde. Bei diesem Lied habe ich immer das Gefühl, wenn ich die Augen zumache, spielt das irgendwo in einem Zigeunerlager, am Feuer und da geht es voll ab. Der Text von „Am Zindln“ ist von den Bildern her schon surreal: „Erkennst du den, der di no kennd, wan da letzte Cent vabrennd.“ Ich wohne in Meidling und mir ist in den letzten Jahren aufgefallen, dass die Leute auf der Straße immer mehr werden. Dort kriegt man das halt mehr mit. Die Zeile war meine Reflexion darauf, dass der Weg in die Obdachlosigkeit einfach für manche immer schneller wird. Ich kann mich an eine Situation in meinem Leben erinnern, in der ich nicht weit von Obdachlosigkeit entfernt war.

Alex Miksch (c) Andreas Jakwerth

Sind das Situationen, in denen du ein Lied schreibst?

Alex Miksch: Da finde ich nicht genug Ruhe, um an etwas zu arbeiten. Vielleicht entsteht der Text in solchen Momenten, wird ein oder zwei Jahre später verarbeitet und wird zu einem Lied.

Das Lied „Baby Banane“ hat es auf einer früheren Platte von dir unter dem Titel „Lady Banane“ schon gegeben. Warum wolltest du das noch einmal aufnehmen?

Alex Miksch: Die Umsetzung auf „Straße des Hundes“ war nicht optimal, die Platte klingt wie aus dem Keller. Aber ich finde die Lieder darauf spannend.

Auf „Nur a Opfe“ hast du auch eine Frauenstimme, Anna Anderluh, dabei. Eingesetzt wie bei Leonard Cohen, insbesondere in dessen Spätwerk.

Alex Miksch: Das stimmt schon, ich finde es oft von den Texten her gut, wenn diese von einer Frau und einem Mann gesungen werden. Anna Anderluh zu treffen war ein Glücksfall, das hat Hans Kulisch eingefädelt. Er hat uns voneinander erzählt. Sie kommt ja von der Klassik und dem Jazz und macht Schauspiel und ich komme vom autodidaktischen Blues und Rock ’n’ Roll. Ich fand es spannend, dass Hans erkannt hat, dass das zusammenpasst, obwohl es so unterschiedlich ist. Das Lied „Nosse Schuach“ wollte ich in der aktuellen Besetzung aufnehmen, weil es ein schönes Lied ist und einfach zu Anna passt. Ich möchte mit ihr bald mal eine Duo-Platte aufnehmen.

„Einer Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten, finde ich grundsätzlich spannend.“

Ich habe das neue Album auch mit ironischen Färbungen gehört. Ist das so, weil die Welt anders nicht zu ertragen wäre?

Alex Miksch: Ich habe es schon erlebt, dass Leute nach einem Konzert zu mir gekommen sind und gemeint haben, meine Musik sei schon ein wenig depressiv. Das finde ich nicht, aber es gibt Menschen, die über Kafka lachen, und andere nicht. So kann man das am besten beschreiben. Natürlich ist es eine Form von Galgenhumor. Es ist auch ein wenig satirisch, was die gesamte Gesellschaft angeht. Einer Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten, finde ich grundsätzlich spannend.

Siehst du dich ein wenig in der Rolle des Spaßmachers, der den Herrschenden die Meinung sagen darf?

Alex Miksch: Vielleicht ist es schon ein wenig das Kokettieren damit. Der Clown hat auch immer eine Spielebene, bei mir bin ich nicht sicher, ob es die Spielebene ist oder ob ich einfach so bin. Ich bin schon ein wenig ein Kasperl.

Über den Zirkusbezug haben wir schon gesprochen, insofern passt das alles zusammen.

Alex Miksch: Ja. Ich mag ja das Bunte. Im Grunde genommen bin ich ein Hippie.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Jürgen Plank

Termin:
25. Mai 2019, Café Orient, Neubaugasse 59, 1070 Wien

Links:
Alex Miksch (Facebook)
Preiser Records (Website)

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