Ein Himmel voller Geigen – Nachruf Kurt Girk

Kurt Girk ist nach langer Krankheit 87-jährig verstorben. Ein Nachruf auf die Wienerlied-Legende.

Sich mit Kurt Girk auf ein Gespräch zu treffen, war schon besonders, denn als Treffpunkt bevorzugte er seinen Lieblingsheurigen in Wien Ottakring. „Da habe ich schon vor sechzig Jahren gesungen, da wohne ich”, sagte er lakonisch. Und dort saß er dann nicht nur, das Achterl Wein und sein silbernes Zigarettenetui vor sich, er hielt regelrecht Hof. Die Stammgäste grüßten ihn ehrfurchtsvoll, und der eine oder andere erkundigte sich auch interessiert nach seinen nächsten Auftritten – für einen über Achtzigjährigen doch eher ungewöhnlich. Aber wer Girk jemals live erlebt hatte, wusste die Respektsbekundungen einzuordnen: Der Mann war selbst im hohen Alter noch eine Naturgewalt. Auch die Entfernung eines Lungenflügels und beginnende Schwerhörigkeit konnten ihn nicht bremsen. Ob im Theater am Spittelberg, beim Wienerlied-Festival „Wean Hean” oder im Heurigen seiner Wahl: Meist flankiert von Kontragitarrist Rudi Koschelu und Akkordeonist Tommy Hojsa ging Kurt Girk da, stilsicher gekleidet und ebenso stilsicher Klassiker des Wienerlieds wie „Zauber der Vorstadt” oder “I möcht an Wein sehn” intonierend von Tisch zu Tisch. Schnell wurde einem klar, weshalb er von seinen Fans liebevoll der “Sinatra von Ottakring” genannt wurde. Es war Können, gepaart mit Aufrichtigkeit, die einen sofort in seinen Bann zogen. Jeder im Saal, ob nun dem Wienerlied zugetan oder nicht, merkte: Da ist einer, der das, was er tut, bis in die letzte Faser spürt. Einer, der sich mit den gesungenen Liedern voll identifiziert und so eins mit ihnen wird.

Vom Straßenprinz zum König von Ottakring

Interviews hingegen lagen ihm nicht so, das strenge Korsett aus Frage und Antwort schien ihm lästig wie ein Schlips, den man, um die Stimme zu vollen Entfaltung zu bringen, ein wenig lockern muss. Ab einem bestimmten Punkt erzählte Girk einfach und man hörte aufmerksam zu, denn er hatte einiges zu erzählen. Über seinen Vater etwa, der im ersten Weltkrieg gewesen war und der sich deshalb von den Nazis nicht blenden ließ. „Der hat das ganze Elend gekannt.” Oder über seinen Lehrmeister Karl Loserth, der damals, als Girk noch ein Bub war, schon ein „Straßenprinz“ gewesen sei. Einer also, der wirklich gut war. Und einer, der immer ein offenes Ohr für ihn hatte und ihm, wann immer er ihn beim Gesangsheurigen auf der Ottakringer Straße traf, Lieder aufschrieb. Lieder, die Girk dann in sein Repertoir übernahm, wenn er mit den Straßensängern gemeinsam durch Wien zog.

Wenn der „König von Ottakring”, wie ihn ein Dokumentarfilm liebevoll nannte, ins Erzählen kam, sparte er aber auch die unangenehmen Seiten seines Lebens nicht aus, seine Zeit im Gefängnis etwa. Angeblich hatte Girk damals Schmiere bei einem Einbruch gestanden. Jahrzehnte später beteuerte er noch immer seine Unschuld. Emotional wurde er aber nicht nur, wenn er das System anklagte, das für seine Verurteilung damals verantwortlich war. Auch, wenn er auf die “Nazibuam” zu sprechen kam, wurde es laut. “Alles bloß Wichtigtuer.” Auf die HJ hätten er und seine Freunde geschissen. “Wir sind ihnen davon gelaufen.” Half leider nichts. Irgendwann waren sie obenauf. Wenn er über den jüdischen Hausherren erzählte, den sie damals abholten und dessen Frau sich daraufhin umbrachte, wurde Girk auch im hohen Alter noch traurig. Solche Wunden heilen nie.

Ein ganz besonderes, ein wenig sentimentales Feuer aber loderte in seinen Augen, wenn er über die nächste Generation sprach, die sich dem Wienerlied widmete, über Marie-Theres Stickler etwa, die er als „Weltwunder” bezeichnete. Aber auch andere, die die Tradition des Wienerliedes in seinem Sinne fortsetzten und mit denen er gern beim Heurigen zusammenkam.

Um ein Haar hätte Girk dann auch noch Weltkarriere gemacht. Im Waldorf Astoria hätte er singen sollen. Die Schrammeln spielten dort. Ihn wollten sie als Sänger. „Aber wozu hätte ich das tun sollen?” fragte er, sichtlich davon überzeugt, keinen Fehler gemacht zu haben. “Ich hab´ mehr als genug Geld verdient. Wozu brauch ich Amerika?” Und so blieb er in Ottakring, bis zum 8. Februar 2019. Da erlag er dort einem langen Leiden.

Dass der Mann, der mit seinem Gesang so viel Wehmut erzeugen konnte und mitverantwortlich für eine wahre Renaissance des Wienerlieds war, nun gestorben ist, macht einen schon wehmütig, denn mit ihm geht auch ein Stück Wien. Ein Wien, in dem Maly Nagl auf der Landstraße vor St.  Marx eine Trafik betrieb und jedes Mal, wenn Girk mit seinem Pferd vorbeikam, „Servas Kurtl. I kumm glei“, rief, um mit ihm in die Rinderhalle zu gehen. Eine Zeit, in der ebendort noch jeden Tag für die Sautreiber gesungen wurde und man für einen Schilling ein Menu und ein Vierterl Wein dazu bekam.

Apropos Vierterl: Legendär ist die letzte Antwort, die Girk mir im mica-Interview vor etwas mehr als drei Jahren gab. „Sie wirken völlig entspannt. Alles leiwand. Gibt es eigentlich auch irgendetwas, das Sie aus der Ruhe bringen kann, das Sie ärgert?” fragte ich damals. Daraufhin überlegte er lange und sichtlich angestrengt. Dann, nach einer gefühlten Ewigkeit, fand er doch noch etwas, was ihm gegen den Strich ging. “Jo, waun i auf da Ottakringer geh und mei Heiriga hod zuagsperrt”, gab er zur Antwort, und man wusste sofort: Das meint er ernst. Was für ein Original.

Kurt Girk wird fehlen. Als Musiker und als Mensch. Typen seines Schlags, die sich mit einer Art traumwandlerischen Sicherheit über die Bühnen dieser Welt bewegen und, sobald der erste Akkord erklingt, ganz bei sich sind, gibt es nur ganz wenige.

Aber eines ist fix: Wenn es im Himmel bislang keinen Heurigen gab, ab sofort gibt es einen und auch die passende Musik dazu. „Küssen! Singen! Trinken!“ So hieß sein letztes Album.

Markus Deisenberger

Links:
Volksliedwerk Kurt Girk
Volksliedwerk Herbert Zotti

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